Die Welt nicht nur junger Menschen verändert sich gerade massiv durch den digitalen Wandel. Grund genug mal zu überlegen, was sich denn bei Jugendverbänden tun muss, um diesem Wandel gerecht zu werden. Dies tue ich aus dem Blickwinkel Unterfranken und spicke es mit Beispielen aus der medienpädagogischen Arbeit des BezJR.

  • Warum sollte sich Jugendarbeit mit digitalen Medien auseinandersetzen?

Jugendarbeit ist Bildungsträger. In Zeiten, in denen Hochschulen schon lange und Schulen demnächst flächendecken digital lehren, stellt sich die Frage automatisch an alle Bildungsträger. Jede Bildungsform (Eltern, Schule, Jugendarbeit, Peergroup, Medien) hat dabei bestimmte Bereiche und Ziele. Diese gilt es abzuklopfen nach Chancen und Notwendigkeiten.

  • Welche neuen Methoden, Ansätze oder Inhaltsbereiche für die Jugendarbeit entwickeln sich durch den Einbezug digitaler Medien?

Es geht für Jugendverbände darum ihre Satzungsziele nicht aus den Augen zu verlieren. Der Trachtenverband betreibt Heimatpflege, die Sportjugend Bewegung und Sport, die Landjugend beschäftigt sich mit Lebensbedingungen im ländlichen Raum usw. Allen Jugendverbänden ist gemein, dass sie informelle Bildung, also nicht benotet und mit Lehrplänen leisten. Oft in Gruppen geht es um Persönlichkeitsbildung, Gemeinschaft und soziales Miteinander, Engagement und Verantwortung, Politische Bildung usw.. Hier gilt es zu schauen, inwieweit die digitalen Medien bei der thematischen Auseinandersetzung unterstützen können. In der Zeitungs-, Foto, Radio, und Filmarbeit leistet Jugendarbeit da schon seit Jahrzehnten ihre Medienpädagogischen Beiträge. Es geht also eher darum, dass jetzt jede/r ein digitales Produktionsmittel in der Tasche hat und dies die Welt verändert. Einige Schlagworte die in Jugendverbänden schon selbstverständlich sind seien hier kurz und unvollständig erwähnt und mit Beispielen dargestellt.

Werkzeuge:

Methoden

  • Actionbound ist ein schönes Beispiel, wie sich Bildungsvermittlung verändern kann. Die „Lehrenden“ können gamifizierte Inhalte über mobile Geräte an die Jugendlichen bringen und sie danach mit den Jugendlichen reflektieren. Der Rückkanal ist dabei das besondere – die produzierten Inhalte kommen zum Spielleiter zurück, ohne großen Aufwand und Anwesenheit.
  • Die Digitale Welt in Reflexionsräume zu holen, zu analogisieren kann interessant sein (Fotostrike spielen z.B.) und Spaß machen.
  • Gerade die Entkopplung von Zeit und Raum durch das Internet eröffnet neue Möglichkeiten der Kollaboration über Grenzen hinweg. Binationale Filmprojekte via YouTube wie unsere unterfränkische JUFINALE.
  • Das Vorhandensein eine digitalen Medienproduktionsgerätes schafft enorme Möglichkeiten für niedrigschwellige Audio, Video, Foto, Textproduktionen mit jungen Menschen. www.jufinale-online.eu 

Inhalte

  • „Ist mein Handy Gold wert“ ist eine Projekt der Würzburger  KJG Umweltstation gewesen. Just zum Erscheinen des ersten Fairphones ging es um Nachhaltigkeit bei technischen Geräten.
  • Kommunikation wird neu thematisiert in Zeiten von Fake News, Hate Speech und verletzendem Onlineverhalten. Hier sind Peerprojekte an Schulen u.a. von der Jugendarbeit angestoßen mittlerweile sehr verbreitet in Unterfranken.
  • Über allem steht ein bisschen die Frage: Wie können wir mit Medien die Welt ein klein bisschen besser machen? Und Jugendarbeit sucht mit medienpädagogischen Angeboten nach Antworten mit jungen Menschen. Z.B. bei den Stadtteilcheckern des SJR Würzburg.

 

  • Was kann Medienpädagogik zur positiven Gestaltung des „digitalen Wandels“ beitragen?

Jungen Menschen fehlen derzeit strukturierte Reflexionsräume, um diesen digitalen Wandel zu be- und verarbeiten. Medien werden einfach genutzt und es wird in viele Fettnäpfchen getreten. Medienpädagogik kann interessante und funktionierende Lernorte und -methoden zur Verfügung stellen, um im geschützten Rahmen Erfahrungen zu machen und zu reflektieren, um aus ihnen zu lernen. Aus den Lernerfahrungen kann Gestaltungswille entstehen.

Hinzu muss Medienpädagogik politische Bewusstseinsbildung leisten. Was bedeutet dieser Wandel? Was macht er mit unserer Gesellschaft? Was bedeutet das konkret für jede/n Einzelnen? Welche Herrschaftssysteme entstehen vielleicht gerade neu?

  • Was sollte im Zuge der sogenannten Digitalisierung nicht passieren?

Immer nur die Negativseiten thematisieren: Cybermobbing, Internetkriminalität, Fake News, Hatespeech, Computerspiel und Amoklauf , Datenschutz ….. Das verschleiert, dass der überwiegende Teil der Nutzung relativ unproblematisch und gewinnbringend funktioniert. Außerdem müssen Jugendverbände sich auch zum Konkurrenten soziales Netzwerk positionieren. Denn „Selbstorganisation von Jugendlichen“ sind heute nicht unbedingt nur noch Jugendverbände, sondern auch soziale Plattformen. Welche Vorzüge hat also das analoge? Dies gilt es klar herauszustellen. Wird das unterlassen, dann verlieren Verbände ihre Bedeutung.

  • Wie mit dem Dilemma umgehen, dass wir für unsere Arbeit kommerzielle Produkte nutzen, die Jugendlichen nicht ermöglichen, ihre privaten Daten ausreichend zu schützen? ggf. ­Welche weiteren Herausforderungen sehen Sie/siehst du?

Dilemmata begegnen Menschen ständig. Wen soll ich wählen? Legale Drogen (Alkohol und Nikotin)  konsumieren oder nicht? Fleisch essen, obwohl ich weiß wie es hergestellt wird und dass die Fleischindustrie klimaschädlich ist? Auto fahren oder Zug? Ich kann ja eh nichts ändern! Und so weiter. Für all diese Themen gibt es Angebote zur Bildung. Am Ende soll der Mensch sich eine Meinung bilden und bestenfalls einen persönlichen Standpunkt und Verhaltensregeln entwickelt haben.

Nicht anders ist das bei Medienthemen: Verschenken wir unsere Daten, um kostenfrei Software und Zugänge ins Netz zu erhalten? Ist das dumm?  Was ist noch Privatsphäre? Wenn alle WhatsApp nutzen nur ich nicht bin ich raus?

Wie oben schon gesagt gilt es Reflexionsräume zu schaffen, um dies zu thematisieren und gemeinsam über Lösungswege nachzudenken. Dafür haben Jugendverbände eigentlich Kompetenzen und Methoden. Oft fehlen nur die Konzepte.

  • Sind medienfreie Angebote für Jugendliche in einer von Medien dominierten Welt notwendig? Warum?

Ja! Allein um zu erfahren, dass ich mein Leben auch ohne digitale Geräte noch gestalten kann. Denn was ist, wenn der Akku leer ist, das Smartphone defekt, das Internet nicht anwesend ist? Kann ich mich dann noch organisieren, kommunizieren, orientieren, partizipieren? Welche Vorteile haben denn die analogen Erfahrungen gegenüber den digitalen? Noch sind wir nicht direkt mit dem Netz verbunden (kommt auch noch). Daher gilt es in jedem Fall beide Welten zu beherrschen. Mit und ohne digitale Medien. „Ich kann ohne mein Smartphone nicht leben!“ ist aus meiner Sicht noch kein akzeptables Lebensmodell.

Hinzu kommt der Aspekt, dass man Konfliktfähigkeit nicht über oder durch Medien lernen kann. Die räumliche und zeitliche Trennung medialer Kommunikation bringt eher noch Konfliktpotential hervor. Meiner Meinung nach muss man im Analograum, in der direkten Begegnung mit Menschen lernen, wie man mit Konflikten umgeht und sie löst. Das leisten Medien einfach nicht, ist in meinen Augen aber eine soziale Grundkompetenz.

  • Wie sieht der Arbeitsalltag in der Jugendarbeit in fünf Jahren aus? Welche neuen Qualifikationen brauchen Fachkräfte in der Jugendarbeit und Medienpädagoginnen und Medienpädagogen dann?

Juleica-Schulungen müssen die Bedeutung von Medien für die Sozialisation von Kindern und Jugendlichen verpflichtend thematisieren. Leitungen brauchen Methoden, um es mit ihren Kindern und Jugendlichen geeignet zu reflektieren. Sie müssen lernen das gemeinsame Wissen zu pflegen und weiter zu entwickeln. Hinzu müssen auch Jugendverbände Räume für Experimente, Programmiersessions, Cryptopartys, Fablabs  und Makerspaces anbieten, um die Erfahrung der Selbstermächtigung bei der Gestaltung dieser Welten zu vermitteln.

Darin müssen die Pädagogen und Medienpädagogen die Verbandsleitungen unterstützen und Methoden und Konzepte passend zu Zielgruppen, Themen und Verbandszielen entwickeln. Hinzu müssen digitale Geräte und Zugang zum Netz selbstverständlich für die Jugendarbeit werden. Genauso wie klare Regeln im Umgang mit Smartphone und Co.. Und es wird wieder spannend, inwiefern das digitale Lernen in der Schule ganz anders ist, als in der informellen Bildung der Jugendverbände.

 

Autor: Lambert Zumbrägel – Medienfachberatung des Bezirksjugendrings Unterfranken

 

Dieser Artikel ist entstanden im Rahmen der Blogparade von merz und Medienpädagogik-Praxis-Blog zum Thema „Jugendarbeit im digitalen Wandel“

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